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Gedanken zu Hinduismus und Spiritualität im Yoga und im Leben

Die Herkunft des Yoga ist eng mit dem Hinduismus verbunden. Es gibt dazu zwei extreme Standpunkte. Für die einen steht der sportliche, körperliche Aspekt im Vordergrund; der Hinduismus wird als esoterisches Beiwerk abgetan; sie bevorzugen ein gewissermaßen säkularisiertes Yoga. Andere versuchen mit geführten Meditationen, Gesang und Sanskrit-Worten die hinduistische Tradition in die westliche Welt herüber zu heben. Damit tun sich manche Yoga-Praktizierende im Westen schwer. Dies mag zwei Ursachen haben. Zum einen will der Hinduismus so gar nicht in unseren Kulturkreis passen, zum anderen verschließt sich unsere moderne Gesellschaft weitgehend der Idee vom Übernatürlichen.

 Der Hinduismus wirkt auf uns Westler befremdlich. Die vielarmigen, vielgesichtigen, indischen Gottheiten erscheinen zunächst wie bizarre Mutantenwesen. Da zeigt sich wie sehr die westliche Kultur, Tradition und somit letztendlich unser Unterbewusstsein vom Christentum geprägt sind. (Damit meine ich nicht die in der Politik so gerne gebrauchten Phrasen von den abendländischen Werten.) Ob wir es wollen oder nicht, automatisch versuchen wir, das was wir über den Hinduismus hören, erst mal in die christlich geprägte Schubladen stecken, die mit vertrauten Begriffen beschriftet sind wie Gott, Satan, Sünde und Erlösung, und stellen fest, dass diese nicht für andere Denkmuster passen. Und so geht es vielen mit dem Hinduismus möglicherweise wie beim Besuch eines indischen Restaurants: man ist fasziniert vom Reiz des Exotischen aber morgen kommt bitte schön wieder Hausmannskost auf den Tisch.

Trotz der christlichen Prägung des Westens spielt die Religion im Alltag eine immer geringere Rolle. Wer dem spontan widersprechen möchte, soll sich folgende Situation vorstellen: in einer betriebsamen Bürokantine – es ist heute besonders viel los, weil Schnitzel-Tag ist – beginnt ein Kollege laut ein Tischgebet zu sprechen. Wie würde das überwiegend gewertet werden? Als verschroben, altmodisch oder Jesus-Freak? Religion gelebt wird in der Regel nur noch an Feiertagen und Familienfesten; da macht man es wegen der Tradition, weil die Oma drauf besteht und weil es halt so feierlich ist. Aber überwiegend ist der bundesdeutsche Alltag de facto atheistisch. Kirchenskandale tun ein Übriges, diesen Trend zu beschleunigen und zu rechtfertigen. Was bleibt übrig? Materialismus pur? Oder wie es in einem Songtext der Toten Hosen heißt „Manche glauben an gar nichts, denn das Leben hat sie hart gemacht."

Hart, wirklich hart war das Leben unserer Urahnen als Jäger und Sammler, vergleichbar mit den heute noch lebenden Naturvölkern. So hart wie wir es uns gar nicht vorstellen können, wenn wir romantisch verklärte Bilder vom edlen Wilden mal beiseiteschieben. So hart, dass sie folglich allen Grund gehabt hätten, an nichts zu glauben. Doch sie waren keine Atheisten und Materialisten. Ganz im Gegenteil: für sie war die Natur (und somit ihr Alltag) beseelt von Geistern und Göttern. Physische Welt und spirituelle Erfahrungen waren ineinander verwoben. Die Trennung von Weltlichem und Religiösem wie im Christentum gab es nicht. Ebenso wenig die Trennung von „Ich glaube nur das, was ich sehe" und „Du lebst in einer esoterischen Phantasiewelt". Was dem nahe kommt sind zwei Begriffe aus dem Core-Schamanismus: Physische und spirituelle Welt werden als „Alltägliche Wirklichkeit" und „Nicht alltägliche Wirklichkeit" bezeichnet. Beides sind Wirklichkeiten; beide haben einen gleichwertigen Anspruch darauf, real zu sein.

Hält man sich die gesamte Menschheitsgeschichte vor Augen in ihrer Zeitspanne vom Jäger und Sammler bis zum postindustriellen Büroangestellten, dann sind Atheismus und Materialismus eher neumodische Angelegenheiten. In historischen Dimensionen betrachtet, wird man noch ein paar Jahrhunderte abwarten müssen, um wirklich beurteilen zu können, ob sich diese beiden Trends langfristig durchsetzen.

Der Wunsch nach Spiritualität gehört zur menschlichen Natur, da wir auch im Informationszeitalter genetisch und psychisch unseren steinzeitlichen Vorfahren noch allzu ähnlich sind. Klar, man kann sich diesem Erbe verschließen. Wie der emotional unterkühlte Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise versuchen, das Leben mit Logik und Pragmatismus zu meistern. Man kann bei Besichtigung einer gotischen Kathedrale nur Architektur, Statik und Bautechnik sehen. Man kann bei einer Wanderung durch einen frühsommerlichen Bergwald, wo der Wind durch die Blätter raschelt, nur Farben, Geräusche, Botanik und meteorologische Fakten zur Kenntnis nehmen ... oder spürt das Göttliche, das sich in der Schönheit der Natur offenbart – so wie den „Karfreitagszauber", den Richard Wagner in der Oper „Parsifal" in Worte und Musik fasste.

Dieser Text begann mit dem Hinduismus. Aufgrund seiner Fremdartigkeit ist er möglicherweise nicht für jeden Westler als spiritueller Weg geeignet. Aber er gehört zur Yoga-Tradition. Das sollte man respektieren, auch wenn er uns Westlern fremd ist und wahrscheinlich vielen von uns fremd bleiben wird. Die Reise zur Spiritualität ist ein Weg der persönlichen Erfahrung und Praxis. Religionen können dabei hilfreich sein oder auch nicht. Das hängt von dem jeweiligen Weg jedes Einzelnen ab.

von Bernhard Lembke, Frankfurt, Juni 2015

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